Wissenschaftlicher Abend (WA) stand im Programm der Lodronia zur Kennzeichnung der Veranstaltung mit Mag. Stefan Schnöll (im Bild rechts neben Bernhard Nekuda BA). Der nächste WA ist für 19. Mai 2026 geplant. Vortragender wird der Historiker und frühere Landeshauptmann Dr. Franz Schausberger sein (vgl. Foto auf dem Titelblatt dieser Website). Von ihm – als Mitherausgeber und Autor gestaltet – erschien kürzlich das handliche 170-Seiten-Buch „Cancel-Culture – Moralisierung und Anmaßung der Sebstgerechten“: ein Sammelband des Karl-von-Vogelsang-Instituts / Buchschmiede. Die Autoren bestätigen mit einer Fülle von Beispielen die Feststellung Schausbergers, dass unsere westliche Gesellschaft einen „Kulturkampf“ erlebt, in dessen Mittelpunkt Eingriffe in die Sprache und damit auch in die Meinungsfreiheit stehen. Die Hintergrundmusik der Cancel-Culture ist „die selbst angeeignete Macht und irritierende Dominanz einer Minderheit gegenüber der Mehrheit“. Die Gefahr einer Reaktion durch Gegenschläge vom rechten Flügel liegt auf der Hand – siehe USA; sie kann nur gebannt werden durch die gemäßigte demokratische Mitte der Gesellschaft, in der sich die Mehrheit der freiheitsliebenden Menschen unseres Kulturkreises widerspiegelt. Wir empfehlen dieses an Seitenzahl kleine, inhaltlich aber große Buch. Wir kommen gerne an geeigneter Stelle darauf zurück. (Vgl. „Die Kraft der Mitte“ von EU-Kommissar a.D. DI Dr. Franz Fischler – Titelblatt dieser Website; sowie das von Bernhard Nekuda geführte Video-Interview mit Franz Fischler im Sektor 2.)
Was auch für Europa auf dem Tisch liegt: Food4future
Wie sehen Lebensmittel der Zukunft aus? Was essen wir Europäer und die wachsende Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten? Antworten fand der langjährige Salzburger Landesveterinärdirektor LAbg. HR Prof. Dr. Josef Schöchl auf einer gemeinsamen Volksbildungsveranstaltung der Hochschulverbindung LODRONIA mit dem Salzburger Paneuropaforum | Thinktank Paneuropaforum Salzburg. Hier die Kernsätze seines Vortrags vom 29.10.2025 (erweiterte Texte in ACADEMIA, ÖCV; und Salzburger Hochschulwochen).
Wie ernähren sich über neun Milliarden Menschen in 30 Jahren? Welche Möglichkeiten gibt es. um die gesamte Menschheit ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen? Wie ernährt sich in einigen Jahrzehnten die Bevölkerung in den hochentwickelten Industriestaaten? Und welche Lebensmittel werden mit welcher Technologie produziert? Heute leben etwa 8,2 Milliarden Menschen auf der Erde. Der Höchstwert wird mit rund 9,7 Milliarden Menschen um das Jahr 2060 prognostiziert. Die sich daraus ergebenden Herausforderungen durch Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung, Urbanisierung und vor allem auch durch die Versorgung mit Wasser und Lebensmittel werden gewaltig sein. Nach diesem Höhepunkt soll bis zum Jahr 2100 die Weltbevölkerung auf rund 8,8 Milliarden wieder sinken.
Die erschreckendste Zahl im Bereich der Lebensmittelproduktion ist jene, dass etwa ein Drittel aller produzierten Lebensmittel entlang der Kette verloren gehen. Weltweit sind das etwa 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr. Mit dieser Menge ließe sich auch die noch wachsende Weltbevölkerung ernähren, ohne dass eine zusätzliche Produktion notwendig würde. In den Ländern des globalen Südens entsteht der überwiegende Teil der Verluste am Anfang der Produktionskette, bedingt durch technische Defizite bei der Ernte, schlechte Lager- und Transportinfrastruktur und fehlende Kühlmöglichkeiten. In den Industrieländern entfällt der Großteil der Lebensmittelabfälle auf die Endverbraucher, aber auch auf den Einzelhandels- und Gastronomiebereich. Durch ein falsch verstandenes Mindesthaltbarkeitsdatum, den Kauf von Großpackungen, durch Überportionierungen und durch falsche Lagerung werden Unmengen noch essbarer Lebensmittel im Haushalt weggeworfen.
In der Europäischen Union fallen pro Jahr 58,2 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. Das entspricht 132 kg pro Person. Knapp 8% der Gesamtmenge fallen in der Primärerzeugung (Landwirtschaft) an, 19% bei der Verarbeitung und Herstellung, 8% im Handel und 11% in Gastgewerbe und Verpflegung. Mit 54% aller Lebensmittelabfälle tragen aber die privaten Haushalte den weitaus größten Anteil bei. Lebensmittelverluste sind verschwendete Ressourcen! Ungefähr 30 Prozent der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen werden für Lebensmittel genutzt, die niemand isst. Diese enormen Lebensmittelverluste stehen im Kontrast zu rund 700 Millionen hungernden Menschen weltweit. Auch Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika Laudato si’ - Über die Sorge für das gemeinsame Haus, die Lebensmittelverschwendung scharf verurteilt: „Lebensmittel, die weggeworfen werden, sind wie gestohlene Nahrung vom Tisch der Armen.“
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Fleischproduktion weltweit enorm gestiegen. Waren es um das Jahr 1970 nur 100 Millionen Tonnen Schlachtgewicht, sind es heute 381 Millionen Tonnen Schlachtgewicht. Diese Menge wird voraussichtlich noch weiter zunehmen. Der Konsum steigt vor allem in den bevölkerungsreichen Ländern Asiens stark an. Deren wachsendes Einkommen lässt auch den Fleischverzehr wachsen. Gleichzeitig zum weltweit steigenden Bedarf nach Fleisch und somit Eiweiß werden von der Lebensmittelindustrie und -forschung mit Hochdruck verschiedenste alternative Proteinquellen entwickelt, wie Insekten in Form von Proteinmehl, „In-vitro-Fleisch“, die Präzisionsfermentation, die Kultivierung von Pilzen oder anderen pflanzenbasierten Protein-Alternativen.
Als zentrales Steuerungs- und Kontrollinstrument für neuartige Lebensmittel hat die Europäische Union schon vor Jahren eine auf alle Mitgliedsstaaten direkt wirkende Rechtsbestimmung erlassen, nämlich die Novel-Food-Verordnung (EU) 2015/2283. Durch strikte Zulassungsverfahren soll sichergestellt werden, dass neue Lebensmittel gesundheitlich unbedenklich sind. Für die meisten Europäer ist der Verzehr von Insekten gewöhnungsbedürftig und vielfach sogar ekelerregend. Der regelmäßige Konsum von Insekten (Entomophagie) ist weltweit gesehen aber völlig normal und geschieht schon seit jeher. Rund zwei Milliarden Menschen in 130 Staaten der Erde verzehren über 2000 verschiedene Insektenarten.
Derzeit gibt es auf Grundlage der Novel-Food-Verordnung der Europäischen Union Zulassungen für vier Arten von Insekten. Als erste Insekten erhielten im Mai 2021 getrocknete gelbe Mehlwürmer (Larve des Mehlkäfers) die EU-Zulassung als neuartiges Lebensmittel. Es folgten die Zulassung der Wanderheuschrecke, der Hausgrille (Heimchen) und schließlich im Jänner 2023 die Zulassung der Larven des Getreideschimmelkäfers („Buffalowurm“). Diese Insekten sind marktfähig, wenn sie gefroren, getrocknet oder pulverisiert angeboten werden und dürfen so als Lebensmittelzutat verwendet werden. Der große Vorteil bei der Haltung von Insekten ist ihre sehr gute Futterverwertung, da es sich um wechselwarme Tiere handelt und es somit keine Wärmeverluste gibt. Am 5. August 2013 wurde erstmals ein „Labor-Burger“ der Öffentlichkeit präsentiert und auch vor Publikum verkostet. Heute gibt es in einigen Ländern der Welt bereits einen begrenzten kommerziellen Vertrieb. Die erste weltweite Zulassung von „cultured meat“ erfolgte in Singapur im Dezember 2020 für die Geschmacksrichtung Hühnerfleisch.
In der Europäischen Union gibt es erste Zulassungsanträge nach der Novel-Food-Verordnung, wie etwa durch eine französische Firma für kultiviertes Enten Foie gras (Stopfleber). Heute forschen und arbeiten weltweit bereits mehr als 150 Unternehmen an der Herstellung von „kultiviertem Fleisch“ in den Geschmacksrichtungen Rind, Huhn, Schwein und Fisch. Weltweit werden rund 75 Millionen Tonnen Rindfleisch pro Jahr konsumiert. Je nach Kontinent werden davon 40 bis 65 Prozent als Hackfleisch bzw. Faschiertes verwendet – und dann als Hamburger, Fleischbällchen, Cevapcici, Sauce Bolognese oder etwa in Tacos verzehrt. Gerade für diesen Bereich werden gute Marktchancen für cultured meat gesehen.
Pilze werden in der zukünftigen Ernährung der Menschen wahrscheinlich eine große Rolle spielen, weil sie ökologische, wirtschaftliche und ernährungsphysiologische Aspekte miteinander verbinden. Pilze sind ressourcenschonend. Sie benötigen im Vergleich zu tierischen Produkten oder anderen Proteinalternativen wenig Wasser, Fläche und Energie. Ihre Kultivierung verursacht deutlich weniger Treibhausgase in der Produktion als Fleisch oder auch Soja. Da Pilze einen hohen Proteinanteil haben, nämlich bis zu 30 Prozent der Trockenmasse, sind sie als Fleischersatz ideal geeignet. Außerdem haben sie eine fleischähnliche Textur, also eine „fleischige“ Konsistenz, ideal zur Herstellung veganer Produkte. Pilze können in einer kontrollierten Umgebung unabhängig vom Wetter oder der Klimazone gezüchtet werden. Viele Speisepilze wachsen auf landwirtschaftlichen Reststoffen, wie etwa Stroh, Sägespänen oder auch Kaffeesatz.
Geschätzte 6.000 bis 7.000 Pflanzenarten werden weltweit vom Menschen als Nahrungsmittel genutzt, also kultiviert, gesammelt oder verarbeitet. Doch nur ein Bruchteil davon ist heute für die globale Ernährung von Bedeutung. Bloß 150 bis 200 Arten werden in nennenswertem Umfang landwirtschaftlich produziert. Lediglich 30 Arten decken 90 Prozent der pflanzlichen Ernährung weltweit ab und nur drei Pflanzen, nämlich Reis, Weizen und Mais, liefern fast die Hälfte der Kalorienaufnahme weltweit. Diese starke Fokussierung auf wenige Pflanzenarten macht das globale Ernährungssystem verletzlich, etwa bei Pflanzenkrankheiten, Klimaveränderungen oder Kriegsereignissen in Anbaugebieten.
Produkte aus Pflanzen, die aussehen wie Fleisch und sich auch in Geschmack und Textur Fleisch annähern („plant-based meat“), sind ein wachsender Trend. Viele Firmen, die bisher nur Fleischwaren produzierten, führen jetzt in ihrem Sortiment auch Pflanzenprodukte. Durch Extrusion und Fermentation, durch den Einsatz verschiedener pflanzlicher Zusatzstoffe und durch technische Innovationen lassen sich Struktur, Saftigkeit und Farbe von Fleisch simulieren. Der Markt für pflanzenbasierte Fleischalternativen wächst stark und die Produktpalette verbreitert sich rasant. Der Grund dafür ist vielfach der Trend zu flexiblerem Fleischkonsum von Menschen, die nicht vegetarisch bzw. vegan leben wollen, aber weniger Fleisch essen möchten, sich also „flexitarisch“ ernähren.
Präzisionsfermentation ist ein Verfahren, bei dem Mikroorganismen genetisch so verändert werden, dass sie gezielt bestimmte Proteine oder andere Moleküle produzieren. Diese veränderten Mikroorganismen werden in Fermentern kultiviert, womit sich auch große Mengen des gewünschten Produkts herstellen lassen. In dieser Technik wird vielfach ein großes Zukunftspotenzial für die Erzeugung von Lebensmittel gesehen, da damit die Herstellung von Inhaltsstoffen ermöglicht wird, die in Geschmack und Textur mit tierischen Produkten vollkommen identisch sind, jedoch ohne den Einsatz von Tieren produziert werden. In der Lebensmittelforschung wird weltweit intensiv an Verfahren gearbeitet, um Milch- oder Eiproteine durch Präzisionsfermentation herzustellen. In den USA sind derart produzierte Milch, Eiscreme und Frischkäse bereits auf dem Markt. Präzisionsfermentation ist keine neue Erfindung, sondern ein schon Jahrzehnte in der pharmazeutischen Industrie bewährtes Verfahren.
Die „normale“ Fermentation ohne gentechnisch veränderte Mikroorganismen, wie etwa die Herstellung von Sauerkraut oder Joghurt, begleitet die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Food-Trends gibt es sehr viele. Sie verändern sich auch ständig, weil Ernährung sehr viel mit Gesellschaft und ihrem Wandel, mit Kultur, Wirtschaft und sich ändernden Wertehaltungen zu tun hat. Food-Trends entstehen aus dem Zusammenspiel von Markt, Werten, Technik und Medien. Vor allem die sozialen Medien spielen heute eine ganz entscheidende Rolle bei der Entstehung und Verbreitung von Food-Trends. Früher verbreiteten sich neue Essgewohnheiten langsam über Kochbücher, die Gastronomie oder die Eindrücke von Reisenden. Heute reichen oft ein Video oder ein Post von Influencern und Foodbloggern auf den sozialen Netzwerken, um einen Trend zu starten. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich unsere Ernährungsgewohnheiten, unsere Einstellung und Sensibilität und die Lebensmittel selbst enorm gewandelt.
In Zukunft werden bei unserer Ernährung wohl die starke Individualisierung, Transparenz, ein hoher Grad der Technisierung und die Verantwortung für Natur und Umwelt von zentraler Bedeutung sein. Jede Prognose ist unsicher; auch die Vorhersagen zu den Entwicklungen unserer Lebensmittel. Nur eines ist gewiss: dass sich die Ernährungsgewohnheiten auch in Zukunft deutlich wandeln werden.
Mehr Freiheit = mehr Erfolg in der Wirtschaft = mehr Innovation, Dynamik und Wachstum
Europas Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung stärken!
Salzburger-Paneuropaforum-Veranstaltung 26.03.2025 in der Maxglaner STIEGL-BRAUWELT: Nach Paul Huber, der die Delegation der Katholischen Hochschulverbindung RUPERTINA (ÖCV) leitete, und Mag. Ing. Paul Lindner, der die irreversible Expansion der "Künstlichen Intelligenz" beschrieb und uns umfassend einen Text dazu für unsere Website sendet, sprach Univ.-Prof. Dr. Carl-Herbert Rokitansky (Fachbereich Computerwissenschaften der Universität Salzburg). Rokitansky ist führender Wissenschaftler in der Luftraumforschung. Zahlreiche Arbeiten basieren auf der Nutzung des von Professor Rokitansky entwickelten Flugverkehrssimulators NAVSIM/USBGSim, für den die Universität Salzburg praktisch ein europäisches Alleinstellungsmerkmal hat. Daher werden viele Forschungsprojekte und Kooperationen mit Industriepartnern durchgeführt.
Das Salzburger Paneuropaforum | Thinktank Paneuropaforum Salzburg | befürwortet, dass sich Österreich weiterhin aktiv auf EU-Ebene dafür einsetzt, bestehende Handelshemmnisse und bürokratische Hürden abzuschaffen. Besonders wichtig erscheint, überschießende Regulierungen zu streichen und regulatorische Standards, soweit sie nachweisbar unbedingt erforderlich sind (die Beweislast muss bei den Regulierern liegen), wenigstens besser zu harmonisieren, um fairen Wettbewerb zu gewährleisten. Österreichs Unternehmen sind auf stabile Exportbeziehungen, offene Märkte und eine starke Position innerhalb und außerhalb der EU angewiesen. Freihandel und der Abschluss neuer Partnerschaften sind maßgeblich für das Wohlergehen der Europäer und für die Zukunft der EU.
Daran anknüpfend soll unter Mitwirkung von Studierenden aus den Hochschulverbindungen eine IDEENSCHMIEDE ZUKUNFT EUROPAS gebildet werden, die Grundsatzerklärungen formuliert und publiziert, wobei für Namensartikel gilt, dass das Copyright uneingeschränkt bei den jeweiligen Autoren liegt. Empirisch belegt: Kollektivismus, das lehrt die Geschichte, gefährdet den Wirtschafts-Standort und die Wettbewerbsfähigkeit. Gleichheit bedeutet in der Regel Nivellierung nach unten, kommt aber bei sozialistischen Ideologen erstaunlich gut an. Sobald jedoch klar ist, dass jedes Streben nach faktischer Gleichheit die Wirtschaftsleistung zum Schaden aller verringert, gehen viele auf Distanz zu weltfremden Utopien. Viele, aber nicht alle. Es bleibt ein Rest an Schmalspurdenkern, die den Kontakt zur realen Wirtschaftswelt verloren haben. In der Diskussion um das "Lieferkettengesetz" sind die Ideologen bis in die Parlamente vorgedrungen. Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Praxisferne Ideologen verlangen, unsere Firmen sollten bei jedem Produkt, das sie weiterverarbeiten, zuerst einmal feststellen, ob Produzenten in Asien oder sonst irgendwo in der Welt ökologisch optimale Entscheidungen treffen. Sie sollen prüfen, ob beispielsweise in Indien Kinderarbeit stattfand, ob in der kommunistisch beherrschten "Volksrepublik China" Zwangsarbeiter an irgendeiner Stelle der Lieferkette auftauchten etc.; dies präzise zu untersuchen ist praktisch unmöglich. Jeder Versuch, das Unmögliche dennoch durchzusetzen, verteuert die Produkte und führt zu Wettbewerbsnachteilen, wenn die propagierten Regeln nicht auf dem gesamten Planeten Erde gelten beziehungsweise nicht überall durchsetzbar sind. Da dies unmöglich ist, sollte man die Finger davon lassen. Wer die Wirtschaft schwächt, erzeugt Armut. (Franz Josef Strauß bemerkte satirisch zugespitzt: "Wenn Sozialisten die Sahara verwalten, wird der Sand knapp".)
Wer Freiheit will, wird das Recht auf Ungleichheit bejahen
Europa und Amerika überschreiten gerade die Schwelle in ein neues Zeitalter. Manche Effekte werden dabei von politischen Akteuren gar nicht beabsichtigt, treten aber trotzdem auf: Mit ihrem Zoll-Roulette und den Angriffen auf das Welthandelssystem haben die Trumpisten ungewollt die Idee eines weltweiten Freihandels im Bewusstsein der Menschheit mit blitzartiger Geschwindigkeit wieder attraktiv gemacht. Selbst Elon Musk spürt die Schnur am Hals und fürchtet, dass das begonnene Abenteuer zu kostspielig wird. Im Gleichklang mit Ursula von der Leyen fordert er, alle Zölle (die EU-Kommission sagt vorsichtiger: alle Industriezölle) zwischen Amerika und Europa einfach abzuschaffen. Das gemeinsame Ziel ist am Ende die Schaffung einer Freihandelszone, die Nordamerika, das Vereinigte Königreich und die Europäische Union (möglichst mit Beitrittskandidaten, Assoziierten und EWR plus Schweiz) umfassen sollte. Es geht um den Traum vom freien internationalen Handel, vom ungehemmten wirtschaftlichen Austausch über Grenzen und Meere hinweg.
Europa braucht eine "Deregulierungs-Revolution" oder "Deregulierungs-Evolution", um die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union wiederherzustellen. In der Bevölkerung der EU wächst die Bereitschaft hierfür. Der Wille zum Wandel ist da. Diese Stimmung muss nur noch auf die Parlamente überspringen und in neue Gesetze der Freiheit münden. Deregulierung ist die einfachste und preiswerteste Form der Wirtschaftsförderung; und zugleich die großartigste historische Gelegenheit, um die handelshemmenden unterschiedlichen Standards zwischen den englischsprachigen Ländern und Kontinentaleuropa dauerhaft zu überwinden. An die Stelle staatlicher Gängelung sollen Freiheit, Eigenverantwortung, Kreativität, innovationsfreudiges Experimentieren, Risikobereitschaft und Investitions-Dynamik treten.
Ein umwälzender Nebeneffekt wäre, dass auf lange Sicht viele Beschäftigte vom Staatsdienst in die Wirtschaft überwechseln könnten, was die Arbeitsmärkte erheblich entspannen würde. Begleitende Maßnahmen, die unsere Zukunft in Freiheit sichern helfen: Die sogenannten MINT-Fächer müssen - auch durch entsprechende zielbewusste Stipendien-Reformen - massiv gefördert werden, um zu erreichen, dass sich Talente entfalten können und Europa in Zukunft über genügend Erfinder und Nachwuchskräfte in technischen Berufen verfügt. Dabei helfen uns - freilich eher ungewollt - jene Trumpisten, die Forscher und andere qualifizierte Wissenschaftler Richtung Europa abdrängen - diesmal "brain drain" zu Lasten der USA und zum Nutzen der Europäer. Wieder einmal bestätigt sich die Beobachtung des unsterblichen Humoristen Karl Valentin: Jedes Ding hat drei Seiten: eine schlechte, eine gute und eine komische.
Ungeachtet momentaner Irritationen brauchen wir beiderseits des Ozeans freie Bahn für engere transatlantische Zusammenarbeit und die Ausweitung fairer Handelsbeziehungen zum vielseitigen Nutzen. Alle 27 EU-Finanzminister und die Gouverneure der Notenbanken tagten unmittelbar vor dem Palmsonntag 2025 in Warschau. Die von ihnen angewandte Mathematik ist unbestechlich. Sie besagt, dass der Demolierungsffekt, den die Trumpsche Zollpolitik in Amerika selbst anrichtet, gravierender sein wird als die Dellen, die Europa erduldet. Die Zeit des Umdenkens beginnt. Auf beiden Seiten des Atlantiks gibt es Nachteile - nur unterschiedlich stark. Die Auswirkungen sind bereits messbar. Die größten Investoren der USA wie Warren Buffett und Elon Musk halten das Schwingen der Zollkeule für falsch. Siegen wird am Ende nicht die Kraft der Fantasie, sondern die Macht des Faktischen.
Bei der Anwerbung der weltweit besten Köpfe ("brain drain") mit anschließenden unabsehbaren Schüttelübungen im trumpistischen Zoll-Zirkus schädigen sich die Amerikaner selbst. Das erhöht die Chancen der Europäer, die freilich die beiden asiatischen Weltmächte China und Indien als Konkurrenten vor der Nase haben. Die USA verfügen unverändert über gewaltige Potenziale an Kreativität und an Forschungseinrichtungen. Vielfach bestehen gegenseitige Abhängigkeiten. Erkennbar sind die Vorteile engerer Kooperationen unserer Kontinente, sofern neue Mehrheiten den Weg öffnen. Die vereinte Kraft einer nordatlantischen Konföderation EU-USA-UK-Canada (Reihenfolge hier nach der Bevölkerungszahl) könnte uns im Weltmaßstab den Platz 1 sichern.
Einen historischen Augenblick lang glaubten einige Amerikaner, sie könnten Europa marginalisieren und stattdessen Russland auf einen goldenen Weltenthron heben. Dabei verfügt ganz Russland ungefähr über die Wirtschaftskraft Italiens. Abgesehen von der Zahl der Quadratkilometer zählt Russland zu den mittleren Mächten dieser Erde. Nukleare Waffen bieten keine Zukunftsperspektiven. Putins Familie und sein engster Führungskreis sind dank totaler Macht in der größten Kleptokratie der Welt unendlich reich geworden. Diesen Status wollen sie mit Sicherheit nicht in einem Atomkrieg verpulvern. Sie werden weiter an den grenznahen Gebieten der Ukraine nagen - stets in der Hoffnung, dass der Westen die Ukraine im Stich lässt; und dass die Trumpisten eine Dreiteilung der Welt in amerikanische, russische und chinesische Zonen anstreben. Solche Denkmodelle gab es vorübergehend in Washington. Doch fehlten dabei zwei Spielfelder: Indien und Europa.
Europa sollte eine eigene Macht in der Weltpolitik sein!
Durch die engere Zusammenarbeit von London, Paris, Berlin und Warschau meldet sich Europa auf die Weltbühne zurück. Und das amerikanisch-ukrainische Abkommen vom 30.04.2025 zeigt, dass selbst Trumpisten sehen, wie fest die Ukraine in Europa verwurzelt ist. Washington sicherte sich rasch noch den privilegierten Zugang zu Bodenschätzen und will die Ukraine nun nicht mehr den Putinisten zum Fraß vor die Zähne werfen. Der geopolitischen Logik folgend reiste die EU-Kommissionspräsidentin nach Indien, um die bestehenden Wirtschaftsbeziehungen zu intensivieren. Wenn momentan der Handel mit den USA schwieriger wird, zeichnet sich ab, dass im Gegenzug Indien als Handelsfreund Europas an Bedeutung gewinnt. Noch besser wäre, wenn sich daraus eine Kooperation aller Demokratien herausdestillieren ließe: wachsende Zusammenarbeit einer am fernen Horizont in Umrissen sichtbaren künftigen Konföderation EU-USA-UK-Canada in Partnerschaft mit Indien, Japan, Südkorea und Australien. Solange die USA auf nationalistisch-isolationistischen Irrwegen beharren, bleibt vermutlich keine andere Wahl, als die EU ökonomisch und sicherheitspolitisch optimal zu stärken, enger zusammenzurücken und mit UK, Canada, Indien, Singapur, Japan, Südkorea, Australien, Neuseeland und dem Rest der Welt freiheitsorientierte Wirtschafts-Allianzen zu schmieden.
Am 13.07.2025 gelang der EU-Kommissionspräsidentin der Abschluss eines Handelsabkommens der Europäischen Union mit dem größten islamischen Staat der Erde: der Demokratie Indonesien. Weitere Verträge mit Indien und vier südamerikanischen Ländern folgten; sie sind unterschrieben, werden möglichst ohne aufschiebende Wirkung rechtlich überprüft und als neue Ära des Welthandels verwirklicht. So entsteht – zunächst ohne die USA – der größte Freihandelsmarkt der Menschheitsgeschichte. Die Tür bleibt offen für die Vereinigten Staaten von Amerika. Schon manche scheinbare Utopie entpuppte sich später als bloße Vorhersage einer realen Entwicklung.
Das Gegenmodell autoritärer und totalitärer Herrschaft gleicht einer Ellipse mit zwei Brennpunkten: Moskau und Peking. Aus beiden Herrschaftsbereichen fliehen Menschen in jene Teile der Welt, die ihnen Freiheit und Wohlstand bieten. In umgekehrter Richtung flieht niemand. Warum? Nach dem zehnten Glas Tokajer würde selbst Viktor Orban einräumen, woran es liegt: Nachahmenswert erscheint das - Menschenrechte mißachtende - antidemokratische Zar-Putin-Land nur jener Minderheit totalitaristisch gestimmter Menschen, die sich nach straffer kollektivistischer Ordnung sehnen. (Historische Parolen wie "Du bist nichts, dein Volk ist alles" charakterisieren ein Geborgenheitsgefühl in der Diktatur - die Sehnsucht nach der Wärme russischer Kachelöfen im sibirischen Winter). Mit den garantierten Freiheiten der Person und Immanuel Kants "Selbstbestimmungsrecht des Individuums" können sie wenig anfangen, weil egalitärkollektivistische Diktaturfreunde dazu neigen, auf eigenes Denken zu verzichten. Damit verkörpern sie das Gegenteil attraktiver Werte: der in westlichen Verfassungen fest verankerten Menschenrechte, der Strahlkraft der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Freiheit Europas.